Wenn ein Schiff sinkt, entscheiden oft die ersten Minuten über den Ausgang. Ich zeige, wie Sie bei Wassereinbruch vorgehen, wann ein MAYDAY-Ruf nötig ist, welche technischen Maßnahmen noch helfen können und unter welchen Bedingungen die Rettungsinsel wirklich die bessere Wahl ist.
Die wichtigsten Schritte im Seenotfall auf einen Blick
- Sofort alarmieren und alle Personen mit Rettungswesten ausrüsten.
- MAYDAY über UKW-Kanal 16 oder DSC absetzen, sobald Lebensgefahr droht.
- Wassereinbruch lokalisieren, Leck abdichten und mit allen verfügbaren Pumpen lenzen.
- Das Boot nur verlassen, wenn es nicht mehr sicher schwimmfähig ist oder Feuer und Kentergefahr bestehen.
- In der Rettungsinsel bleiben, EPIRB, UKW-Handfunkgerät und Signalmittel bereithalten.
Ruhe bewahren und die Crew sofort organisieren
Bei einem Wassereinbruch übernimmt eine Person die Führung und verteilt klare Aufgaben. Ich halte wenig von hektischem Aktionismus: Entscheidend ist, dass jemand den Notruf absetzt, eine zweite Person den Schaden sucht und die übrige Crew Rettungswesten, Notfalltasche und Signalmittel vorbereitet.
Alle an Bord ziehen sofort korrekt angelegte Rettungswesten an. Bei Nacht, Kälte, starkem Wind oder hohem Seegang gehören zusätzlich warme, möglichst trockene Kleidung, Mützen und feste Schuhe dazu. Lose Gegenstände an Deck werden gesichert, damit sie niemanden verletzen und die Rettung nicht behindern.
Die Lage sollte laufend neu bewertet werden. Ein kleines Leck, das mit einer Pumpe kontrollierbar bleibt, ist etwas völlig anderes als ein schnell steigender Wasserstand, eine starke Schlagseite oder ein beschädigtes Schott.
| Beobachtung | Priorität |
|---|---|
| Wasser steigt langsam, Leck erreichbar | Abdichten, lenzen und vorsorglich melden |
| Pumpen schaffen weniger als der Wassereintritt | MAYDAY absetzen und Rettungsmittel vorbereiten |
| Starke Schlagseite, Feuer oder schnelle Flutung | Abandon-Ship-Bereitschaft herstellen |
| Boot droht unmittelbar zu kentern oder unterzugehen | Rettungsinsel verlassen, sobald sie sicher einsatzbereit ist |
Wassereinbruch technisch begrenzen
Die Ursache muss möglichst schnell gefunden werden. Typische Auslöser sind beschädigte Borddurchlässe, geplatzte Kühlwasser- oder Kraftstoffleitungen, eine undichte Welle, ein beschädigter Rumpf nach einer Kollision oder Wasser, das über eine offene Luke eindringt.
Ich beginne mit einer kurzen Sichtprüfung im Motorraum, in der Bilge und an allen zugänglichen Ventilen. Dabei gilt keine unnötige Eigengefährdung. Elektrische Anlagen, Batterien und Kraftstoff können bei steigendem Wasser zusätzliche Brand- und Stromschlagrisiken erzeugen.
- Leckstellen mit Holzpfropfen, Lecksegel, Polstern oder geeigneten Leckmatten provisorisch abdichten.
- Seeventile schließen, sofern sie erreichbar und eindeutig zugeordnet sind.
- Elektrische Lenzpumpen und Handpumpen gleichzeitig nutzen, wenn dies sicher möglich ist.
- Wasser aus einzelnen Bereichen lenzen, ohne dadurch die Stabilität zu verschlechtern.
- Schotten, Türen und Luken schließen, damit sich das Wasser nicht weiter ausbreitet.
Eine zusätzliche Pumpe kann den Unterschied machen, wie ein Einsatz der Seenotretter an der Außenweser im Jahr 2025 gezeigt hat. Dort halfen weitere Lenzpumpen, den Wassereinbruch eines Motorbootes unter Kontrolle zu halten. Das bedeutet aber nicht, dass man einen Notruf hinauszögern sollte, bis die Technik versagt.
Schwere Ausrüstung sollte nicht hektisch auf eine Seite getragen werden. Bei einer Schlagseite kann das die Situation verschlimmern. Besonders gefährlich ist es, Wasser in einem bereits überfluteten Bereich zu sammeln oder Treibstoff und Öl unkontrolliert ins Wasser gelangen zu lassen.
Den Notruf richtig absetzen
Bei unmittelbarer Gefahr für Menschen oder wenn das Boot ohne fremde Hilfe vermutlich nicht schwimmfähig bleibt, gilt MAYDAY. Der Notruf erfolgt auf See über UKW-Kanal 16, möglichst zusätzlich per DSC über Kanal 70. In deutschen Seegebieten ist die Rettungsleitstelle See, MRCC Bremen, rund um die Uhr erreichbar.
Wenn das Funkgerät über DSC verfügt, wird zuerst der Notalarm ausgelöst. Danach folgt der Sprachfunk auf Kanal 16. Ein einfacher Notruf enthält mindestens folgende Angaben:
- MAYDAY dreimal, danach Schiffsname und Rufzeichen.
- Die möglichst genaue Position, idealerweise in Breite und Länge.
- Die Art des Problems, zum Beispiel Wassereinbruch nach Kollision.
- Die Zahl der Personen an Bord und besondere Verletzungen.
- Die benötigte Hilfe, etwa sofortige Rettung oder Evakuierung per Hubschrauber.
Ein Beispiel klingt so: „Mayday, Mayday, Mayday, hier ist die Motoryacht Seestern, Position 54 Grad 20 Minuten Nord, 008 Grad 10 Minuten Ost, starker Wassereinbruch, vier Personen an Bord, benötigen sofortige Hilfe.“ Danach wartet die Crew auf Rückfragen und hält den Funkkontakt frei.
Ein Mobiltelefon ist eine sinnvolle Ergänzung, ersetzt das UKW-Funkgerät aber nicht. Über Funk werden auch Schiffe in der Umgebung erreicht. Die Seenotretter empfehlen außerdem, eine EPIRB oder PLB mitzuführen. Eine EPIRB sendet im Notfall automatisch oder manuell die Position über Satellit und kann die Suche deutlich erleichtern.
Auch bei zunächst beherrschbarer Lage kann eine vorsorgliche Meldung sinnvoll sein. Wer früh Position und Problem übermittelt, gibt der Rettungsleitstelle Zeit, geeignete Kräfte zu alarmieren. Eine E-Mail ist im Seenotfall kein geeigneter Alarmierungsweg.
Wann die Rettungsinsel wirklich notwendig wird
Ein beschädigtes, aber noch schwimmfähiges Boot ist häufig sicherer als eine kleine Rettungsinsel. Es bietet Schutz vor Wellen, mehr Platz für Ausrüstung und eine größere Angriffsfläche für die Suchmannschaft. Deshalb sollte das Schiff nicht allein aus Angst verlassen werden.
Die Rettungsinsel wird zur letzten sicheren Plattform, wenn das Boot schnell sinkt, Feuer ausbricht, eine Kenterung unmittelbar bevorsteht oder der Aufenthalt an Bord wegen giftiger Dämpfe nicht mehr möglich ist. Die Entscheidung muss früh genug fallen, damit die Insel noch kontrolliert ausgebracht werden kann.
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Vor dem Verlassen des Bootes
- Rettungswesten prüfen und alle Personen zählen.
- Notfalltasche, Trinkwasser, Erste-Hilfe-Material und Signalmittel mitnehmen.
- UKW-Handfunkgerät, EPIRB oder PLB griffbereit halten.
- Die Rettungsinsel an der Leeseite auslösen, also dort, wo der Wind vom Boot wegführt.
- Die Halteleine der Insel am Boot sichern und die Verbindung erst lösen, wenn das Boot sie gefährdet.
Wenn möglich, steigt die Crew direkt vom Boot in die Insel. Ein Sprung ins Wasser ist nur die Notlösung. Muss er sein, springen Sie mit geschlossenen Füßen, halten Sie Nase und Mund zu und achten Sie darauf, nicht auf die Insel oder auf andere Personen zu springen.
Im Wasser schwimmt man nach dem Verlassen des Bootes zügig von Rumpf, Takelage und möglichen Trümmern weg. Beim Untergang können Gegenstände mitgerissen werden oder plötzlich an die Oberfläche kommen. Danach bleiben alle möglichst dicht zusammen und halten sich an der Rettungsinsel oder an einer Leine fest.
In der Rettungsinsel bis zur Bergung überleben
In der Insel zählt vor allem Energieersparnis. Türen und Luken werden geschlossen, der Boden wird möglichst trocken gehalten und die Crew sitzt so, dass die Insel nicht unnötig kippt. Trinkwasser wird rationiert, Alkohol bleibt tabu und Seekrankheitstabletten sollten früh genommen werden.
Signalmittel werden nicht planlos verbraucht. Leuchtraketen und Handfackeln sind besonders wertvoll, wenn ein Schiff, ein Flugzeug oder ein Hubschrauber tatsächlich in Sichtweite ist. Bei einer Hubschrauberrettung dürfen keine Signalraketen in Richtung des Helikopters abgefeuert werden.
Ein Crew-Mitglied hält, wenn möglich, Funkkontakt zur Rettungsleitstelle. Die Position wird nicht nur einmal, sondern bei jeder relevanten Änderung übermittelt. Lose Leinen, Teile des Riggs oder Öl auf der Wasseroberfläche müssen gemeldet werden, weil sie die Rettung gefährden können.
Eine häufige Fehlentscheidung ist, die Insel zu verlassen und zu einem möglicherweise erreichbaren Schiff zu schwimmen. Das ist nur auf ausdrückliche Anweisung der Rettungskräfte sinnvoll. Die Insel ist auffälliger und sicherer als eine einzelne Person im Wasser.
Vorbeugung beginnt vor dem Ablegen
Die beste Maßnahme gegen das Sinken ist eine gründliche Kontrolle vor jeder Fahrt. Ich prüfe Borddurchlässe, Schlauchverbindungen, Schlauchschellen, Bilgen, Seeventile und die Funktion sämtlicher Pumpen. Gerade unscheinbare Gummischläuche und korrodierte Schellen werden in der Praxis oft unterschätzt.
- Bilgenpumpen vor jeder längeren Fahrt testen.
- Handpumpe und passende Leckstopfen zugänglich lagern.
- Rettungsinsel fristgerecht warten lassen.
- UKW, DSC, EPIRB und PLB regelmäßig testen.
- Position, Kurs und Personenzahl vor dem Ablegen an eine Vertrauensperson melden.
- Mit der Crew einen kurzen Abandon-Ship-Plan besprechen.
Mindestens einmal pro Saison sollte die Crew üben, wer den Funk bedient, wo sich die Rettungsinsel befindet und wie die Personenzahl kontrolliert wird. Bei kleinen Yachten darf niemand davon ausgehen, dass im Notfall automatisch alle wissen, was zu tun ist.
Ein Mayday-Ruf ist kein Zeichen schlechter Seemannschaft. Frühzeitiges Alarmieren, ein funktionierendes Leckabwehrsystem und eine vorbereitete Crew geben dem Boot die beste Chance, schwimmfähig zu bleiben und allen Menschen an Bord Zeit zu verschaffen.
Die entscheidende Regel für die letzten Minuten
Bei Wassereinbruch gilt eine klare Reihenfolge: Menschen sichern, Hilfe rufen, Schaden begrenzen und erst danach das Boot verlassen. Wer diese Schritte regelmäßig übt und Rettungsmittel erreichbar hält, reduziert nicht nur das Risiko, sondern gewinnt im Ernstfall wertvolle Zeit.
Bleibt das Boot schwimmfähig, bleiben Sie möglichst an Bord und folgen den Anweisungen der Rettungsleitstelle. Wird der Aufenthalt gefährlicher als die Rettungsinsel, wechseln Sie geschlossen, ruhig und mit allen verfügbaren Signalmitteln in die Insel.