Ein historisches Segelschiff kann zugleich Fischereifahrzeug, Frachter, Chartersegler und Filmkulisse sein. Genau diese ungewöhnliche Laufbahn hatte die Ethel von Brixham, ein 1890 gebauter Brixham-Trawler, der über Jahrzehnte von Kiel aus als Traditionsschiff bekannt war. Ich ordne die Geschichte, die technischen Besonderheiten und den tragischen Verlust vor Cuxhaven ein.
Die wichtigsten Fakten zur historischen Ethel auf einen Blick
- Baujahr 1890 in Brixham, Devon, ursprünglich unter dem Namen „Lily & Ethel“.
- Schiffstyp war ein hölzerner Brixham-Trawler, später ein zweimastiger Stagsegelschoner.
- Technische Daten lagen bei etwa 30 Metern Länge, 5,8 Metern Breite und rund 400 m² Segelfläche.
- Deutsche Zeit begann 1981 mit dem Umbau zum traditionellen Segelschiff und der späteren Registrierung in Kiel.
- Verlust 2026: Am 31. Januar lief das Schiff vor Cuxhaven auf Grund und zerbrach Mitte Februar bei der Bergung.
Was die Ethel von Brixham so besonders machte
Die Ethel war kein moderner Neubau im historischen Stil, sondern besaß einen echten Rumpf aus dem späten 19. Jahrhundert. Gebaut wurde sie bei J. W. & A. Upham in Brixham, einem Hafen, der für schnelle und robuste Fischereifahrzeuge berühmt war. Ursprünglich trug das Schiff den Namen „Lily & Ethel“ und arbeitete als Segeltrawler in der Nordseefischerei.
Später wechselte die Einheit mehrfach den Namen, unter anderem zu „Salvøy“, „Bass“, „Lønning“ und „Ethel“. Diese wechselvolle Geschichte ist typisch für Arbeitsschiffe, die nicht als Museumsstücke gebaut wurden, sondern sich über Jahrzehnte wirtschaftlich behaupten mussten.
In Deutschland wurde der historische Wert besonders sichtbar. Nach dem Register von National Historic Ships UK gehörte der Trawler zu den ältesten erhaltenen Vertretern seines Typs. Für mich liegt seine Bedeutung deshalb nicht nur im Alter, sondern in der Kombination aus originaler Substanz, praktischer Nutzung und internationaler Seefahrtsgeschichte.
Der Brixham-Trawler und sein charakteristisches Design
Brixham-Trawler wurden für das Fischen auf anspruchsvollen Fanggründen entwickelt. Sie mussten stabil genug für schwere Netze, schnell auf dem Rückweg zum Hafen und zugleich handhabbar unter Segeln sein. Der lange Kiel, die kräftige Holzstruktur, der niedrige Freibord und die hohe Takelage bildeten ein funktionales Gesamtpaket.
Viele dieser Fahrzeuge trugen große Gaffelsegel. Eine Gaffel ist ein schräg oder nahezu waagerecht am Mast geführter Spierenbaum, an dem das obere Ende eines Gaffelsegels befestigt wird. Bei einem Arbeitsschiff bedeutete diese Takelung vor allem viel Antrieb bei überschaubarem Material- und Bedienaufwand.
| Merkmal | Ungefährer Wert | Bedeutung |
|---|---|---|
| Länge über alles | 30 m | Großer historischer Trawler für Offshore-Einsätze |
| Breite | 5,8 m | Stabilität und ausreichend Arbeitsfläche |
| Tiefgang | 2,9 m | Kompromiss zwischen Seetüchtigkeit und Hafenzugang |
| Segelfläche | ca. 400 m² | Kräftiger Antrieb bei günstigen Windverhältnissen |
| Motorleistung | ca. 250 PS | Manövrieren, Hafenbetrieb und Sicherheit bei Flaute |
| Geschwindigkeit | bis etwa 10 kn unter Segeln | Für einen historischen Trawler bemerkenswert schnell |
Der sichtbare Eindruck täuschte allerdings etwas über die Baugeschichte hinweg. Der Rumpf erinnerte an den ursprünglichen Trawler, doch die spätere Takelage wurde mehrfach verändert. 2011 erfolgte eine Anpassung, die das Erscheinungsbild wieder stärker an einen klassischen Brixham-Trawler annäherte.

Vom Arbeitsschiff zum deutschen Traditionssegler
Nach mehr als acht Jahrzehnten in britischen und skandinavischen Diensten kam das Schiff 1981 nach Deutschland. Dort begann ein grundlegender Umbau vom Motorschiff zum Stagsegelschoner. Bei diesem Rigg stehen die Segel zwischen den Masten an Stagen, also festen Draht- oder Tauverbindungen, die den Mast abstützen.
Die Umwandlung war technisch und wirtschaftlich anspruchsvoll. Ein historischer Fischereirumpf muss für Charterbetrieb, Sicherheitsausrüstung, Passagierkomfort und moderne Vorschriften angepasst werden. Genau hier zeigt sich ein typisches Problem der Traditionsschifffahrt: Je stärker ein Schiff genutzt wird, desto höher sind die laufenden Kosten für Wartung, Zulassung und Sicherheitsnachrüstung.
Von Kiel aus fuhr die Ethel auf der Ostsee, unter anderem in Richtung Südschweden, Tallinn und Helsinki. Auch längere Reisen ins Mittelmeer waren möglich. Bei Tagestörns konnten bis zu 35 Passagiere an Bord sein, für mehrtägige Reisen standen Kabinen für ungefähr zwölf Mitsegler zur Verfügung.
Besonders gelungen fand ich an diesem Konzept die aktive Rolle der Gäste. Sie waren nicht nur Zuschauer, sondern konnten unter Anleitung bei Segelmanövern und der Bordroutine mithelfen. Damit wurde aus einem historischen Schiff ein praktischer Lernort für Seemannschaft.
Filmauftritte und die letzte Reise nach England
Die markante Silhouette machte den Schoner auch für Filmproduktionen interessant. Die Ethel war unter anderem in der Verfilmung von Günter Grass’ „Die Rättin“ zu sehen und wurde später für den Film „The Ministry of Ungentlemanly Warfare“ eingesetzt. Solche Auftritte bringen Aufmerksamkeit, ersetzen aber keine solide Finanzierung für den dauerhaften Erhalt.
Nach dem Auslaufen des deutschen Sicherheitszeugnisses im September 2024 wurde das Schiff zum Verkauf angeboten. Der Hintergrund war nicht fehlendes Interesse, sondern die finanzielle Belastung durch erforderliche Umbauten. Ein historischer Großsegler kann mehrere hunderttausend Euro an Erhaltungs- und Modernisierungskosten benötigen, bevor überhaupt an einen regulären Charterbetrieb zu denken ist.
2025 wechselte die Ethel in britische Hände und sollte nach England zurückkehren. Die Überführungsreise von Brunsbüttel nach Den Helder endete jedoch am 31. Januar 2026 vor Cuxhaven. Das Schiff lief auf einem Leitdamm der Außenelbe auf Grund, wurde durch Wassereinbruch schwer beschädigt und musste von der Besatzung verlassen werden.
Warum die Bergung 2026 zum Totalverlust führte
Bei einem alten Holzschiff ist eine Grundberührung besonders kritisch. Nicht nur die Außenbeplankung kann brechen, auch Kiel, Spanten und die inneren Verstärkungen können sich verschieben. Wenn anschließend Tide, Strömung und Wellenschlag auf den beschädigten Rumpf wirken, verliert das Schiff schnell seine strukturelle Festigkeit.
Die ersten Versuche, den Havaristen freizuschleppen, blieben erfolglos. Bei der Bergung Mitte Februar wurden die Masten zuvor entfernt und lose Teile gesichert. Anschließend hob ein Schwimmkran den Rumpf an. Dabei zerbrach die Holzkonstruktion in zwei Teile.
Nach Angaben der zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung blieben die Tanks unbeschädigt, sodass keine größere Gewässerverunreinigung entstand. Für die Restaurierung war die Lage dennoch endgültig. Ein 136 Jahre alter Rumpf, der unter der Lastaufnahme auseinanderbricht, lässt sich wirtschaftlich kaum noch in ein seetüchtiges Schiff zurückverwandeln.
Was Eigner historischer Segelschiffe daraus lernen können
Der Fall zeigt sehr deutlich, dass bei Traditionsschiffen nicht nur das Alter zählt. Entscheidend sind der Zustand von Kiel, Spanten, Planken und Schotten, die Qualität früherer Umbauten sowie die Frage, ob ein Schiff den heutigen Sicherheitsanforderungen noch sinnvoll angepasst werden kann.
- Vor einer Überführung sollte eine unabhängige Strukturprüfung mit Feuchtemessung und Kontrolle der tragenden Bauteile erfolgen.
- Bei Holzrümpfen müssen beschädigte Bereiche nicht nur oberflächlich ausgebessert, sondern konstruktiv bewertet werden.
- Ein gültiges Sicherheitszeugnis ist kein Ersatz für eine aktuelle Zustandsprüfung vor einer langen Reise.
- Die Bergungsplanung muss Tiden, Strömung, Wetter und die Belastbarkeit des Rumpfes gemeinsam berücksichtigen.
- Restaurierungsbudgets brauchen eine Reserve von mindestens 20 bis 30 Prozent, weil sich Schäden unter Beplankung und in schwer zugänglichen Bereichen oft erst später zeigen.
Ich sehe darin eine wichtige Grenze zwischen authentischer Erhaltung und überzogenem Restaurierungsoptimismus. Ein historisches Schiff sollte möglichst viel Originalsubstanz behalten, aber es darf nicht allein wegen seines Alters in eine riskante Überführung geschickt werden. Bei einem Arbeitsschiff von 1890 ist Sicherheit immer wichtiger als die romantische Vorstellung, es müsse um jeden Preis weitersegeln.
Die Ethel bleibt ein Stück Brixham-Geschichte
Mit dem Verlust vor Cuxhaven endete die physische Geschichte dieses besonderen Schiffes. Erhalten bleiben jedoch die Dokumentation, Fotografien, Filmaufnahmen und die Erfahrungen aus mehr als einem Jahrhundert Fischerei, Frachtfahrt und Segelbetrieb.
Die Ethel verbindet drei maritime Welten miteinander: den industriellen Fischfang von Brixham, die deutsche Traditionsschifffahrt und die moderne Debatte über Sicherheit und Finanzierung historischer Schiffe. Genau deshalb ist sie auch nach ihrem Verlust mehr als ein altes Segelschiff. Sie zeigt, wie wertvoll maritime Originale sind und wie anspruchsvoll es ist, sie dauerhaft unter Segeln zu halten.